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Ich fühle mich hier in Zürich viel relaxter. Ich liebe es, auf der Badenerstrasse einen Traktor zu sehen, all die Parks, Wälder. Als ich hier ankam, fragte mich mein Freund: schwimmt ihr auch in der Seine? Und ich musste lachen, hast du schon mal die Farbe der Seine gesehen?

Ich bin in Paris aufgewachsen, arbeitete im Marketing. Dort ist es schnell, individualistisch und es hat viele Menschen. Ich kam hierher, um herunterzufahren, Zeit zu haben, mich zu fragen, weshalb tue ich dies oder das. Weshalb ist die Welt so, wie sie ist, was können wir machen, um sie besser zu machen? Ich finde, hier in der Schweiz sind die Menschen viel offener für Veränderung. Ihr seid eben auch mit der Natur aufgewachsen, das ändert die Sicht auf die Dinge. Manchmal hat gibt es vielleicht ein wenig viele Regeln. Aber die Leute respektieren einander, sind höflich. Und wow, ich liebe die Grösse der Gebäude hier, sie sind nicht zu gross. Auch wenn ich finde, Paris hat die besseren Architekten.

Ich war sehr glücklich hierherzukommen. Ich fühle mich frei zu tun, was ich möchte, die Person zu sein, die ich bin. Zum Beispiel mehr mit meinen Händen zu arbeiten. An einem Workshop lernte ich, wie man seine eigene Zahnpasta macht und sein eigenes Deo. Das ist was für mich, wusste ich sofort, und so wurde ich Teil der Umweltplattform, die das organisiert hatte. Wir organisieren Popup-Events zu Umweltthemen. Alle zwei Monate legen wir ein neues Thema fest, den Ort, das Programm, die Partner, und dann organisieren wir das mit vielen Freiwilligen zusammen von null an auf. Nächste Woche machen wir etwas zu Foodwaste, wie man seine eigenen Essiggurken machen kann, wenn es im Sommer zu viele Gurken hat. Es geht nicht darum, den Finger auf Menschen zu richten, es geht darum zu inspirieren, etwas für sich und den Planeten zu machen. Wir versuchen alles positiv zu machen, lustig, das wirkt viel besser.

Mein erster Event, den ich organisiert habe, ist mir besonders in Erinnerung geblieben, ein Disco-Brunch. Wir organisierten einen Brunch mit geretteten Lebensmitteln und mit einer Band. Es war unglaublich, 70 Leute kamen. Natürlich viele erstmal für die Musik und das Gratisessen, aber dann sassen sie eben zwei Stunden mit uns zusammen und wir hatten die Gelegenheit, mit ihnen über Food Waste zu sprechen. Dann folgten viele andere Events, zu Urban Gardening, Kreislaufwirtschaft…

Die schönste Veränderung meines Umzugs nach Zürich ist der Wechsel von der Metro aufs Velo. Langsam unterwegs zu sein macht so einen Unterschied. Man ist fähig, anzuhalten und etwas anzuschauen. In der Nähe des Schwimmbads Letzigraben haben zum Beispiel alle Strassen Blumennamen. Das würde mir nie auffallen, wenn ich mit dem Tram unterwegs wäre. Auch mit dem Bus gehst du immer denselben Weg. Mit dem Velo kannst du am Morgen auf der einen Flussseite fahren und am Abend auf der anderen.

Dieses Jahr waren ja alle mehr oder weniger hier festgebunden, wir fanden, das ist die perfekte Gelegenheit, langsame Mobilität zu fördern, Velo, Skateboard, zu Fuss, ganz CO2-frei. Wir organisierten 20 Slow Safaris in der ganzen Schweiz. Die Leute machten eine Schatzsuche, gingen von Ort zu Ort. Ich kreierte die Safari in Zürich. Die Route führt durch meine Gegend, dort, wo ich wohne. Sie erzählt die Geschichte der Strassen im Quartier, des kleinen Ladens, der Natur. Wir haben zum Beispiel eine Bank, die heisst Bermudadreieck. Leute lassen Dinge dort, die man mitnehmen kann. Ich nahm auch schon eine Teekanne und liess einen Blumentopf dort. Auch wenn man schon 25 Jahre an einem Ort wohnt, gibt es immer wieder Ecken, die man nicht kennt, eine grossartige Aussicht, die man noch nicht entdeckt hat. Es gab auch ein Quiz, man musste rausfinden, welche Burgen, Seen oder Schluchten in der Schweiz zu finden sind. Und wir merkten, oh wow, man muss nicht nach Nordamerika gehen für schöne Seen, vieles haben wir hier vor unseren Augen. Das ist ein Teil der Lösung. Öffne deine Augen und sieh, was um dich herum ist.

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Die meisten Geschichten entwickeln sich in einem Gespräch und wir schreiben sie auf. Manche Geschichten werden uns zugeschickt, auf Einladung oder spontan. Bislang haben wir die Geschichten nicht systematisch gesucht – sie ergeben sich durch spontane Kontakte, Empfehlungen und Zufälle.

Die Geschichten widerspiegeln nicht immer unsere Meinung; und die Geschichtenerzählerïnnen sind wohl auch nicht immer einer Meinung.

Stories for future wurde von Moritz Jäger und Gabi Hildesheimer von Tsuku ins Leben gerufen. Die Stiftung Mercator Schweiz unterstützt das Projekt mit einem finanziellen Beitrag. Weitere Interessenbindungen bestehen nicht.

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