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Als ich aus dem Iran geflüchtet bin, habe ich alles verloren, meine Familie, meine Freunde, meine Firma. Ich versuche hier ein neues Leben zu beginnen. Der Schlüssel dafür ist Sprache. Ich habe am Anfang jeden Tag acht Stunden selber in der Bibliothek Deutsch gelernt, Gratis-Deutschkurse besucht. Ich bin ein ungeduldiger Mensch, ich will meine Ziele erreichen. Seit Januar dieses Jahres mache ich eine Ausbildung zur Migrationsfachperson und bin Praktikant bei einem Projekt zur Unterstützung von Flüchtlingen. So kann ich jetzt anderen helfen.

Im Iran hatte ich eine eigene IT-Firma. Als Geflüchteter habe ich keine Chance, eine Arbeit zu finden. Aber ich kann anderen Flüchtlingen mit Computern helfen, die damit Mühe haben. Ich zeige ihnen, wo sie online Information finden. Ich sage ihnen, sie können sich selbst eine Arbeit oder Wohnung suchen, sie müssen nicht auf den nächsten Termin mit dem Sozialberater in zwei Monaten warten.  

Geflüchtete Menschen haben in der Schweiz eine tiefe Lebensqualität, viele haben psychische Probleme. Lange Zeit verbringen sie in einer Asylunterkunft, essen, schlafen, warten auf einen Bescheid. Vielleicht bekommen sie von einer Hilfsorganisation ein bisschen zusätzliche Unterstützung, ein Billet, ein Buch. Das Problem ist aber grösser, dass sie nicht Teil der Gesellschaft sind. Dass sie nicht die gleichen Rechte auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt haben.

Mit Corona wurde alles noch schwieriger. Plötzlich war alles zu, keine Freiwilligenprogramme mehr, keine Projekte oder Deutschkurse. Die Leute blieben untätig und sehr verunsichert in den Asylunterkünften. Wo es kein WLan gab, hatte man kaum Kontakt zur Aussenwelt. Ich habe zusammen mit Hilfsorganisationen einen Brief an die Behörden geschrieben mit Bitte um Hilfe. Aber: Nein das geht nicht, kostet zu viel Geld, dafür braucht es Sitzungen, Gespräche. Eine Zeitung wollte ein Interview über die Situation von Geflüchteten in dieser Zeit machen. Ich habe Auskunft gegeben und nach der Veröffentlichung war es doch möglich in einigen Asylheimen Internet einzurichten. In vier Asylheimen habe ich das Internet selbst installiert, dank einer Frau, die auf eigene Kosten vier Internetboxen bestellt hatte.

In meiner Kindheit lebten wir im Krieg. Da haben wir gelernt, schnell zu reagieren, wir waren immer bereit, wenn der Alarm kommt. Diese Erfahrung hilft mir, darum bin ich manchmal flexibel und schnell.

Während der Corona-Krise war es in den Asylheimen vor allem für isolierte, ältere Menschen oder Familien mit kleinen Kindern sehr schwierig, einzukaufen. Ein Freund lieh mir sein Auto aus. Damit habe ich Essen in Zürich abgeholt, wo mein Freund Amine die Aktion “Essen für Alle” gestartet hatte, da alle Gassenküchen geschlossen waren. Ich durfte so viel Essen nehmen, wie ich brauchte, und verteilte es in allen Asylzentren im Aargau. Darüber gab es einen Zeitungsartikel und dann haben sich viele Menschen gemeldet. Sie haben Kleider gespendet, Bücher, Spielzeuge, Laptops…

Wenn ich mit dem Auto in den Asylunterkünften ankam, riefen die Kinder manchmal von weit her. Ich gab ihnen Schokolade und Chips, das machte mir grosse Freude. Ich habe viele Sachen verteilt, habe die Leute gefragt, was braucht ihr? Sie haben gesagt: Dass du vorbeigekommen bist und uns das fragst, nur schon das macht uns Freude. So sind wir nicht vergessen.

Was bedeutet Glück? Die Zeit, in der ich lebe. Ich geniesse mein Leben, ich habe nicht das Gefühl, ich bin ein armer Mensch, ein zweitklassiger Mensch. Ich lebe für mich, ich bin verantwortlich für mein Leben. Viele Leute haben Angst vor Risiko, aber wenn man nichts riskiert, entwickelt man sich nicht. Ein Schiff bleibt nicht immer am Strand, ein gutes Schiff fährt aufs Meer hinaus, und wenn ein Sturm kommt und es nicht untergeht, dann sagen wir, das ist ein gutes Schiff.

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Die meisten Geschichten entwickeln sich in einem Gespräch und wir schreiben sie auf. Manche Geschichten werden uns zugeschickt, auf Einladung oder spontan. Bislang haben wir die Geschichten nicht systematisch gesucht – sie ergeben sich durch spontane Kontakte, Empfehlungen und Zufälle.

Die Geschichten widerspiegeln nicht immer unsere Meinung; und die Geschichtenerzählerïnnen sind wohl auch nicht immer einer Meinung.

Stories for future wurde von Moritz Jäger und Gabi Hildesheimer von Tsuku ins Leben gerufen. Die Stiftung Mercator Schweiz unterstützt das Projekt mit einem finanziellen Beitrag. Weitere Interessenbindungen bestehen nicht.

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