Neue Geschichten jeden Dienstag und Freitag.

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Zuerst war da die Idee, einen Second-Hand-Laden oder einen Flohmarkt zu machen. Aber etwas ganz ohne Verkaufen gefiel uns besser. An unsere Tauschanlässe bringt man und frau die Kleidungsstücke mit und geht mit anderen wieder nach Hause. Mit Kleidern, die zwar nicht neu sind, aber für einen selbst eben doch neu. Helferïnnen vor Ort nehmen die Kleider in Empfang, sortieren und hängen sie auf. Das sieht dann aus wie ein begehbarer Kleiderschrank, deshalb heissen wir auch Walk-in-Closet. Wir wollen Abwechslung in den Kleiderschrank bringen. Anderen Leuten eine Freude machen mit den Kleidern, die man selbst nicht mehr trägt. Das Kleidertauschen ist eine nachhaltige und erlebnisreiche Alternative zum Fast-Fashion-Konsum. So können auch Leute, die sich ökologisch produzierte Kleider aus dem Bioladen nicht so gut leisten können, auf eine sehr nachhaltige Art und Weise neue Kleider bekommen.

Manche Leute haben noch das Gefühl, Second Hand ist schmuddelig, aber das ist schon lange nicht mehr so. Wir schauen sehr auf die Qualität, stimmt sie nicht, dann geben wir’s zurück. Ursprünglich war es als Jugendprojekt gedacht, aber jetzt sind wir generationenübergreifend. Bei uns kann die 17-Jährige mit der 60-Jährigen tauschen. Es gibt immer wieder schöne Momente, wenn man sieht: du hast ja mein T-Shirt an! Man kommt zusammen ins Gespräch, findet Leute mit demselben Kleiderstil, es entstehen vielleicht sogar Freundschaften.

Wir haben zehn bis zwanzig Helferïnnen pro Standort. Die meisten kommen immer wieder, wir sind eine grosse Community geworden. Am Standort Baden arbeiten jetzt seit drei Jahren auch Geflüchtete, die in der Region wohnen, mit uns zusammen. Wir haben zum Beispiel eine Helferin, sie ist echt taff und fleissig. Wenn jemand unerlaubt mehr als zehn Kleidungsstücke nimmt, kann sie das super regeln. Gemeinsam für eine gute Sache zu arbeiten, macht Freude. Es macht mega Spass, andere Leute mit Begeisterung anzustecken, Begegnungen zu schaffen, gemeinsam etwas zu schaffen. Ich glaube, das ist für mich fast der Hauptmotivator. Und natürlich das super Plus am Ganzen: Kleidertauschen ist gut für die Umwelt und wir haben an unseren Events die Möglichkeit, Menschen über die sozialen Ungerechtigkeiten in der Textilindustrie zu sensibilisieren.

Bevor ich mich vor acht Jahren zu engagieren begann, war mir überhaupt nicht bewusst, mit welch riesigen ökologischen und sozialen Belastungen Kleider verbunden sind. An Kleider denkt man ja nicht als erstes, wenn man über Umweltprobleme oder soziale Gerechtigkeit nachdenkt. An unseren Tauschanlässen macht Public Eye deshalb immer einen Stand, wo wir informieren, wie Kleider im Allgemeinen produziert werden, unter welchen Bedingungen für die Näherïnnen, mit welchen Konsequenzen für die Umwelt. Das war von Beginn weg unsere Idee: auf der einen Seite eine konkrete Alternative anbieten, auf der anderen Seite zum Reflektieren anregen. Dass man sich das nächste Mal, wenn man im Laden ist, vielleicht nochmals fragt, ja brauch ich das wirklich, gefällt’s mir in einem halben Jahr auch noch?

Das Projekt wächst immer mehr, wir haben jetzt bereits 20 Orte, wo wir Kleidertauschbörsen organisieren. Und wir wollen Expertinnen werden zum Thema Kleiderproduktion, mehr kommunizieren, informieren, auch online. Für mich ist es ein riesiges Privileg, etwas mit Leidenschaft machen zu können, mit Menschen, die eine ähnliche Haltung haben. Natürlich gibt es auch Zeiten, die sehr anstrengend sind. Es ist ein selbständiger Job, ich habe gemeinsam mit meiner Stellenpartnerin die Hauptverantwortung. Können wir das Projekt in diesem Rahmen gewährleisten, kommt’s gut, kommt’s nicht gut? Das sind halt so Gedanken. Dafür habe ich sehr viel Freiheit. Und ich darf mir immer wieder neue Dinge beibringen, Teamleitung, Personaladministration, Buchhaltung, Social Media… Wir sind uns einig, wir möchten unbedingt immer eine Non-Profit Organisation bleiben, Geld immer in neue Projekte stecken. Das passt einfach besser zu uns und Ideen haben wir viele.

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Die meisten Geschichten entwickeln sich in einem Gespräch und wir schreiben sie auf. Manche Geschichten werden uns zugeschickt, auf Einladung oder spontan. Bislang haben wir die Geschichten nicht systematisch gesucht – sie ergeben sich durch spontane Kontakte, Empfehlungen und Zufälle.

Die Geschichten widerspiegeln nicht immer unsere Meinung; und die Geschichtenerzählerïnnen sind wohl auch nicht immer einer Meinung.

Stories for future wurde von Moritz Jäger und Gabi Hildesheimer von Tsuku ins Leben gerufen. Die Stiftung Mercator Schweiz unterstützt das Projekt mit einem finanziellen Beitrag. Weitere Interessenbindungen bestehen nicht.

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