Neue Geschichten jeden Dienstag und Freitag.

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Bei uns leben Leonie, Michèle und ihre Tochter Tiffy, Mimi, Bo, Kona und der kleine Tim. Viele berührt die Geschichte von Leonie ganz besonders. Als sechswöchiges Schweinchen rettete sie sich mit einem Sprung vom Transporter zu uns auf den Hof Narr. Seither gewinnt sie mein und das Herz unserer Besucher mit ihrer verschmusten und freundlichen Art jeden Tag aufs Neue.

Wenn ich hierhin komme, fühlen die Schweine meine Stimmung sofort und reagieren sehr darauf. Bin ich gestresst oder traurig, denken sie sich etwas aus, um mich zu entspannen oder aufzuheitern. Habe ich aber zu schlechte Laune, lassen sie sich davon anstecken und sind ebenfalls schlecht drauf. Wie alle Tiere durchleben sie Freude, Liebe und Angst. Schweine sind nicht nur clever und von Natur aus stubenrein, sondern lernen auch besonders schnell und knüpfen Beziehungen früher als Haustiere wie zum Beispiel Hunde. So ist es völlig paradox, dass wir Hunde bei uns halten und hätscheln, während Schweinen nichts anderes übrigbleibt als zusammengepfercht in dunklen Ställen darauf zu warten, dass sie geschlachtet werden.

Im Philosophiestudium haben wir diskutiert, wie eine gerechtere Welt aussehen könnte, wie wir gemeinsam leben wollen. Dann kam ich aus dem Studium raus und merkte, dass zwar theoretisch, im Kopf, alles da wäre, aber kaum etwas davon umgesetzt oder angewandt wird. Ich wusste, dass ich nicht nur denken und über eine gute Welt sprechen will, sondern etwas machen. Kein Konzept erstellen, einfach loslegen, einfach mal anfangen, das Gegenteil des wissenschaftlichen Ansatzes halt.

Unser Ort muss einer sein, wo wir ausprobieren, machen und lernen. Eine kleine, in sich funktionierende Welt, die auch im Grossen umgesetzt werden könnte. Viele der Probleme unserer Gesellschaft stehen im Zusammenhang mit unserem Verständnis und Umgang mit Tieren, deshalb war für meinen Mann und mich schnell klar, dass Tiere zu unserem Ort gehören werden. Welche, das hat sich von selbst ergeben.

So wohnen bei uns unterdessen neben den Schweinchen auch Hühner, Truten, Kaninchen, Pferde, Katzen, Ziegen und  Hunde. Sie alle haben ihre ganz eigene Geschichte – wurden wie Leonie vor dem Schlachter gerettet oder hatten bei ihren früheren Besitzern einfach keinen Platz mehr. Das Telefon klingelt oft: hast du noch Platz für eine Ziege? Natürlich können wir nicht alle Tiere aufnehmen, aber es beruhigt mich, dass sich unterdessen fast immer ein Plätzchen finden lässt, denn unser Konzept wächst und allein in diesem Jahr sind einige neue Lebenshöfe um uns herum entstanden. Die Tiere bleiben, sie haben ja auch eine Aufgabe als Botschafter und Lehrer, stellvertretend für ihre Artgenossen, die nicht so viel Glück hatten. Sie ermöglichen vielen unserer Besucher einen ersten Kontakt mit sogenannten Nutztieren. Es ist schon erstaunlich, dass in der Schweiz fast 2 Millionen Schweine leben, viele Menschen aber noch nie wirklich eines zu Gesicht bekommen haben, geschweige denn miterlebt haben, wie sozial diese Tiere sind, welche unterschiedlichsten Charakter sie haben, wie sie uns zeigen, dass sie gesund und glücklich sind.

Als wir hier angefangen haben, war man im Dorf skeptisch, die Gerüchteküche hat gebrodelt. Eine Frau, frisch von der Uni, erst noch Philosophin, und jetzt Landwirtin? Wir wollten uns vorstellen, von unseren Ideen erzählen, deshalb haben wir alle zu uns auf den Hof eingeladen. Gekommen sind vielleicht fünf. Aber das spielte gar keine Rolle, es war einfach wichtig, dass wir von Anfang an offen auf die Leute zugingen. Als bei einem Sturm unser Gemüsetunnel kaputt ging, war klar, für den Wiederaufbau bräuchten wir einen anderen  Platz. Nach einigem hin und her haben wir dann bei unserem Nachbarn gefragt, ob wir ein Stück direkt vor dem Hof pachten könnten. Er fragte darauf nur: Wie viel braucht ihr? Dass er das einfach so gemacht hat, hat im Dorf zuerst für einige Verwunderung und weitere Gerüchte gesorgt. Er hingegen gab uns damit die schönste Bestätigung für unser Wirken. Ganz allgemein bekommen wir viel Zuspruch aus dem Dorf, das motiviert uns weiter so zu machen.  Es kommen auch immer mehr Landwirte zu uns und wollen sehen, wie wir unseren Hof führen und wie sie in eine ähnliche Richtung gehen können.

Der Hof Narr ist ein Lebenshof, etwas chaotisch, man merkt, es lebt. Es kommen so viele Menschen vorbei, kleine Kinder, grosse Kinder, Grosseltern, Flüchtlinge vom benachbarten Durchgangsheim… jeden Tag kommen andere Leute und viele kehren immer wieder zurück. Man merkt, es gibt ganz viele Menschen, die nur darauf warten, etwas für die Welt machen zu können.

Und das hier, das ist Sir Kevin, unser Truthahnmännchen. Er ist ein ganz Verschmuster und mag die Aufmerksamkeit sehr, auch wenn er am Anfang etwas scheu ist. Kevin wäre beinahe zusammen mit einigen Gänsen beim Schlachter gelandet, doch er hatte Glück und wurde von lieben Menschen aufgenommen, bis er ein Plätzchen bei uns fand. Nach anfänglicher Zurückhaltung zeigt er unterdessen gerne seine Federn und stolziert auf dem Hof umher, um seine beiden Damen Hailey und Mathilda und uns zu beeindrucken.

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Die meisten Geschichten entwickeln sich in einem Gespräch und wir schreiben sie auf. Manche Geschichten werden uns zugeschickt, auf Einladung oder spontan. Bislang haben wir die Geschichten nicht systematisch gesucht – sie ergeben sich durch spontane Kontakte, Empfehlungen und Zufälle.

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Stories for future wurde von Moritz Jäger und Gabi Hildesheimer von Tsuku ins Leben gerufen. Die Stiftung Mercator Schweiz unterstützt das Projekt mit einem finanziellen Beitrag. Weitere Interessenbindungen bestehen nicht.

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