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Das Foto haben wir ganz am Anfang der Corona-Schliessung gemacht. Der Mae-Geri ist eine Fusstechnik, bei der die Kraft gerade nach vorne wirkt. Das Bild haben wir gewählt, weil es schön komponiert ist, aber die beabsichtigte Wirkung des Tritts sieht man eigentlich nicht. Man sieht nur die Rolle, die in die Höhe saust, und nicht diejenige, die nach vorne wegfliegt. Auf Bildern siehst du all die kleinen Fehler in der Haltung. Die eine Hand ist nicht an der Hüfte oder das Becken nicht vorne. Du fragst dich dann, was eigentlich wichtig ist: die korrekte Form oder der effiziente Fusstritt. Ich finde die Wirkung wichtig. Aber wir lernen die korrekte Form, und das macht auch Sinn. Irgendwann muss es halt zusammenpassen. Es gibt ganz verschiedene Arten, wie man Karate machen kann, zum Beispiel sind da die Hau-Drauf-Leute. Mir ist es wichtig, dass man auch die spirituellen, mentalen und gesundheitlichen Aspekte lebt. Sei höflich und bescheiden, vervollkommne deinen Charakter und so weiter. Auch wenn man bei uns die Regeln, das Dojo kun, nicht vor jedem Training aufsagt, die Philosophie stimmt. 

Wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, ist da oft Rambazamba. Deshalb geniesse ich es, regelmässig zu meiner Karate-Familie ausbrechen zu können. Das ist meine Familie neben der Familie. Die Leute sind sehr unterschiedlich, aber man trifft sich regelmässig, und alle sprechen die gleiche Sprache, dieses Karate-Japanisch. Der Wochenrhythmus gibt mir Struktur im Leben. Unterwegs ins Training hallt der Alltagstress manchmal noch nach. Aber dann ziehe ich den Karate-Anzug an. Ich denke immer noch: Was bin ich müde! Eigentlich kann ich nicht mehr. Aber dann gehe ich hoch in die Halle. Wir machen am Anfang des Trainings immer Mokusō, eine kurze Meditation. Damit ist der Schalter umgelegt. Die gestauten Sachen im Kopf verschwinden. Ich tauche ein und der ganze Alltag ist wie weggedrückt. Der Trainer steht vor uns und er spricht unsere Karate-Familiensprache. Wenn wir gegeneinander frei kämpfen, bin ich immer ganz aufgeregt, es putscht mich hoch und ich fange schon vor der ersten Bewegung an zu schwitzen. Es ist die totale Konzentration, ich bin komplett im Hier und Jetzt. Nach dem Training bin ich tiefenentspannt, ich bin mit mir zufrieden. Und Karate macht mir einfach Spass.

Ich bin nicht so ehrgeizig, den schwarzen Gürtel konsequent zu verfolgen, ich mache Karate für mich. Der ständige Kampf für die Form bzw. gegen sich selbst ist aber sehr anstrengend. Man hat ja schon so oft einen Zuki gemacht, vielleicht 100’000 Mal. Aber je mehr man weiss, wie es sein sollte, desto mehr weiss man, wie weit man von einem perfekten Schlag entfernt ist. Dann sage ich mir: Der Weg ist das Ziel. Das ist cool, wenn man es entspannt nehmen kann, sonst ist es Stress. Dafür entwickelt man sich als Person weiter, es kommt die mentale Ebene dazu, wenn man nicht nur die Bewegung im Auge hat, sondern sich auch mit der Philosophie auseinandersetzt. 

Während Corona habe ich wenig trainiert, je länger es dauerte, desto mehr schwand die Motivation. Ich backe viel mehr feine Cookies, nach Corona rolle ich mich dann in die Halle. Ich freue mich sehr, dass es jetzt endlich wieder losgeht mit dem Training vor Ort, dass ich wieder in den Rhythmus finden kann und meine zweite Familie treffe.

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Stories for future wurde von Moritz Jäger und Gabi Hildesheimer von Tsuku ins Leben gerufen. Die Stiftung Mercator Schweiz unterstützt das Projekt mit einem finanziellen Beitrag. Weitere Interessenbindungen bestehen nicht.

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