Neue Geschichten jeden Dienstag und Freitag.

-30-

Zuhause habe ich immer einen Stapel Kleider. Kleider von meinen Söhnen und Enkelkindern, die alle darauf warten, geflickt zu werden. Begonnen habe ich das, als meine Kinder noch klein waren. Ich habe alles geflickt, was man flicken konnte. Fortwerfen konnte ich einfach nichts und es war mir eine Freude, dem, was andere Leute wegwerfen, neues Leben zu geben. Wir hatten damals auch nicht so viel Geld und das hat natürlich geholfen, aber eigentlich war das Geld nicht ausschlaggebend. Als ich und meine Söhne einmal in der Post in der Schlange am Warten waren, sagte eine Frau zu mir: «Sie, ich muss ihnen etwas sagen. Die Hosen ihres Sohnes, die sind wirklich toll, fünf Mal mit einem «Blätz» geflickt, so etwas sieht man heute nur noch selten». Ich habe das eigentlich immer als selbstverständlich empfunden.

Meine Söhne haben irgendwie verinnerlicht, dass man Dinge flicken kann. Sie wünschen sich von mir nun jedes Jahr Flickgutscheine auf Weihnachten, und sie haben gemerkt, dass das dann doch nicht selbstverständlich ist, dass ich das mache. Die Flickgutscheine gestalte ich immer anders; zum Beispiel als farbige Kartonkarten, die ich durch Nähen ohne Faden in Blöckchen zum Abreissen verwandle oder mit verschiedenfarbigen Fäden genäht. Für mich ist das eigentlich symbolisch, aber mein älterer Sohn nimmt das sehr ernst. Als ich einmal für meinen jüngeren Sohn etwas flickte, obwohl er eigentlich keinen Gutschein mehr hatte, meinte der Ältere entrüstet: «Geht’s noch?! Flicken ohne Gutschein?!»

Teile diese Geschichte

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on whatsapp
Share on email

Und jetzt? Unsere Empfehlungen zum Weiterlesen:

Wir sind Menschen, die von einem guten Leben in einer gesunden Welt erzählen.
Folge den neuen Geschichten jeden Dienstag und Freitag.

Die Geschichten hinter den Geschichten.

stories for future

Stories for Future lässt Menschen Geschichten erzählen. Über ein gutes Leben, eine gesunde Welt, über neue Perspektiven und alles, was sie schön finden, was ihnen wichtig ist und ihnen guttut.

Die meisten Geschichten entwickeln sich in einem Gespräch und wir schreiben sie auf. Manche Geschichten werden uns zugeschickt, auf Einladung oder spontan. Bislang haben wir die Geschichten nicht systematisch gesucht – sie ergeben sich durch spontane Kontakte, Empfehlungen und Zufälle.

Die Geschichten widerspiegeln nicht immer unsere Meinung; und die Geschichtenerzählerïnnen sind wohl auch nicht immer einer Meinung.

Stories for future wurde von Moritz Jäger und Gabi Hildesheimer von Tsuku ins Leben gerufen. Die Stiftung Mercator Schweiz unterstützt das Projekt mit einem finanziellen Beitrag. Weitere Interessenbindungen bestehen nicht.

Fragen, Feedback, Geschichten?